Leander Steinkopf und sein Roman "Stadt der Feen und Wünsche"

"Ich habe es nicht als Anti-Berlin-Buch geschrieben", von wegen Sehnsuchtsort der Hipster, Künstler und Freidenker: Leander Steinkopf beschreibt in seinem Erstlingswerk ein Berlin, dass nicht nur arm ist, sondern auch eklig. Ein Bashing sollte das Buch dennoch nicht sein: "Man kann in Berlin immer noch das finden, was man sucht", sagte Steinkopf im Deutschlandfunk.

Berlin ist am schönsten am frühen Morgen, wenn die
Letzten im Bett sind und die Ersten noch nicht aufgestanden.
Die Stadt wird erst unbelebt lebendig, Menschen
tun ihr nicht gut. Wenn der Alexanderplatz so
hohl und weit ist, dass ich in seiner Mitte fast ertrinke,
wenn früh am Morgen nur leere Flaschen und Fastfoodverpackungen
an die Menschen erinnern und die Wolken,
grau und rissig wie eine Altbaudecke, so niedrig
über dem Platz hängen, dass der Fernsehturm schon an
der Kugel endet, dann kann ich mich in dieser Leere
wiederfinden. Nur die Ruhe ist mir fremd.                                         - Zitat aus "Stadt der Feen und Wünsche" -

Der Protagonist, der Ich - Erzähler möchte nicht wie irgendjemand anderes sein. Er will er selber sein, und deswegen hat er Angst vor Zugehörigkeit, Angst mit irgendwem verglichen zu werden, irgendwie eingeordnet zu werden. Wenn die anderen schnell laufen, läuft er langsam, wenn die anderen langsam laufen, dann fühlt er sich in seiner Langsamkeit nicht mehr wohl. Also er will auf jeden Fall kein neuer Franz Biberkopf sein aus einem neuen Berlin, Alexanderplatz.

Der Protagonist ist nicht repräsentativ für eine Generation. Er ist so angelegt und ausgesucht, dass er nicht richtig dazugehört. Der zweifelt und sich unsicher ist und deswegen besonders genau beobachtet und besonders genaue Gedanken über sich und über die anderen hat. Mit so einer Figur können gewisse Dinge sichtbar gemacht werden, gewisse andere Ansätze aufgezeigt werden, Beobachtungen untergebracht werden, die den Leser anregen und herausfordern sollen. Aber es kommen bestimmt ganz viele aus eben dieser Generation darin vor. Also es geht schon vielleicht ein bisschen darum, eine Generation, oder vielleicht die Gegenwart darzustellen, zu beleuchten.

Der Protagonist - das Buch erstreckt sich über drei Tage - und in diesen drei Tagen hat er nicht wirklich was zu tun. So einen Protagonisten in München rumlaufen zu lassen wäre nicht so repräsentativ für die Stadt, wäre nicht so gut geeignet, den Geist der Stadt wiederzugeben. Weil München schon eine arbeitsame Stadt ist. Es ist einfach ein krasser Gegensatz zu Berlin. Weil es hier so viel Reichtum gibt, weil es hier so viele Jobs gibt und so weiter. Hier ist alles viel enger und dichter, und Berlin ist die Weite - tatsächlich würde dieses Buch dann ganz anders aussehen. Gleichwohl es in München natürlich auch viele interessante Sachen zu beobachten gibt. Vielleicht nicht so viele wie in Berlin, weil hier einfach die Kehrmaschinen strenger arbeiten.

Leander Steinkopf, 1985 in Seeheim-Jugenheim geboren, studierte in Mannheim, Berlin und Sarajevo, promovierte schließlich über den Placeboeffekt. Er arbeitet als freier Journalist für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" und die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung", veröffentlicht literarische Essays im "Merkur" und schreibt Komödien für das Theater. Er lebt in München.

13.06.2018 - 20:00 bis 22:30
Bessunger Knabenschule, Ludwighöhstr. 42, 64285 Darmstadt
7,00 €, ermäßigt 5,00 €
Steinkopf, Leander
Carl Hanser Verlag GmbH & Co.KG
ISBN/EAN: 9783446258600
16,00 €